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RADTOUR 2008:
Immer die ITALIENISCHE KÜSTE entlang

5029 Kilometer insgesamt, davon 4391 in Italien, davon 3775 italienische Küste (und davon ein paar zerquetschte, die sich bei Irrwegen und sonstigen Blödheiten angesammelt haben).
4182mal wurde von mir der Kamera-Auslöser gedrückt, davon haben es 3376 Fotos bis auf meine heimische Festplatte geschafft.
203 Tagebuch-Seiten sammeln sich engbeschrieben in 3 Heften.
Mir wurde nichts gestohlen, einzig ca. 80,- Euro habe ich als Finderlohn für meine verlorene Geldbörse spenden müssen.
40 Tage war ich unterwegs und saß davon 39 auf dem Rad. 1 verbrachte ich wetterbedingt lesenderweise im Bett.
8 Reifendefekte (vulgo: Patschen) mußten von mir repariert werden, davon allein 5 an meinem Vorderrad in einem Aufwasch.
Und ich wurde nicht krank, habe kein einzigesmal meine Apotheke auspacken müssen.

Im folgenden gebe ich Ihnen einen ersten, "kurzen" Einblick in Tagebucheinträge und Fotos (Kamera: Canon EOS 450D). Letztere biete ich in zwei Abmessungen an - suchen Sie bitte Ihrer Bildschirmgröße gemäß aus (jeweils unter dem Foto anzuklicken). Die Tagebuch-Passagen sind unredigiert, nur lesbarer gemacht, d.h. sämtliche Abkürzungen ausgeschrieben und der gröbsten Fehler bereinigt. Die Überschriften beziehen sich nicht auf die hier angeführten Textausschnitte sondern auf das jeweilige Tagesthema - werden also meist erst beim Tagebuch in vollem Wortlaut klar.

 
     
Brunnen in Loreto
Fotos:
Format 600*400 / Format 800*533
10.Tag (Di, 7.10.)
ADRIAKÜSTE GANZ ANDERS (VON BERG ZU BERG)
[...] muß ich auch diese Erfahrung endlich machen: das letztemal war ich in einer "Jugend"herberge, als ich die Leider-nein-Matura noch nicht nicht gemacht haben konnte. Und diese Erfahrung ist noch spezieller: Ein Riesenkasten (ich bin in einem 7-Bett-Zimmer einquartiert und hoffe, daß mich die Dame vom Desk nicht noch mit einem Haufen mitternächtlich hereinschneiender Schnarch-Affen aufheitern wird), der ziemlich (und ich meine eigentlich "total") leersteht - und ich bin im 2. Stock im hintersten Eck. [...] Der Tag endet in der Pizzeria "Garibaldi" - nur Italiener, versteckt nach längerer Suche, ansonsten ist Loreto - offensichtlich (s. auch die Leere in der Jugendherberge) hat das Gottes-Business gerade Pause - menschenleer (Ergänzung). Wobei der Gottes-Komplex schon toll beleuchtet ist ... und das direkt von meinem Fenster aus zu sehen ...
 
12.Tag (Do, 9.10.)
ERLÖSUNG - oder: Ein Tag vieler neuer und einer alten Bekanntschaft
Fischmarkt in Pescara
600 / 800
[...] In Pescara finde ich zwar nicht das Zentrum, schließe dafür Bekanntschaften am Fischmarkt (in der Halle und bei den freien Fischverkäufern) [...] In der Fischhalle will sie eigentlich nicht am Foto sein, er öffnet aber extra für mich die Vitrine. [...] (Anm.: Auf einem anderen Foto habe ich sie trotzdem erwischt.)
Fischsuppe in Torino di Sangro
600 / 800
(Anm.: Am Abend muß ich mangels Alternative in einem desolaten, aber unverschämt teuren Hotel absteigen) [...] Und - ach ja, haha - die polnische Hotel-Kuh macht um 22:00 den Laden dicht. Empfiehlt mir aber Ristorante an der Straße (nur über Schleichweg zu erreichen). Und das ist alles wert - nur leider nicht die Eile. Der alte Koch bastelt eine Fischsuppe - Wahnsinn! Und sagt mir zum Abschied, daß er ein billigeres Zimmer gehabt hätte ... Wäre ja toll gewesen, wenn ich eine Minute nach 10 vor verdunkeltem 4*-Kasten gestanden wäre ... aber die Hotel-Kuh schaut fern und deshalb nicht auf die Uhr. Wäre wahrscheinlich wurscht gewesen, wenn ich der Zuppa (18,-) und dem Koch-Fossil die nötige Reverenz erwiesen hätte. [...]
 
14.Tag (Sa, 11.10.)
DER STIEFELSPORN - TRAUMHAFT, ANSTRENGEND UND 5-MAL LUFT RAUS
Schlösser in Peschici
600 / 800
[...] Ins Bild schiebt sich (mit mächtigem Steilabfall - im Vordergrund weite Badestrände) Peschici. Altstadtfotos (auch da geht´s - auf [Kopf]Steinpflaster - ziemlich rauf und runter), z.B. das Gitter beim - nicht nur für mich - unauffindbaren Castello vecchio; voll behangen mit Vorhängeschlössern, deren Schlüssel entweder ihr Grab weit unten am Rand der Klippe fanden oder die in irgendwelchen Laden vor sich hin rosten, der nie eingelösten Widerkehr harrend. Ja, die wenigen schaffen es, ihr Glück halbwegs halten zu können ...
 
Mein Geburtstagsprosecco vor der Villa Scapone
600 / 800
15.Tag (So, 12.10.)
MEIN GEBURTSTAG
(Vortag) [...] Der Hotelmanager (Besitzer?) sagt: "55,-" Ich: "Teuer." Er: "Wieviel?" Ich: "Das Teuerste bis jetzt 45,-" Er: "OK, 45.-" Als ich meinen Paß abgebe, steht auf seinem Zettel ausgebessert: "40,-" Wir werden sehen. [...] und gehe eine Kleinigkeit essen (nur "Linguine alla Vongole") und 4 Kleinigkeiten trinken: ich weiß nicht, für wen die Bier abfüllen, aber geschätzte 0,25 Liter sind für einen Biertrinker ein Witz. Bin gespannt, welche Kleinigkeit morgen auf der Rechnung stehen wird - und wie süß deshalb mein Geburtstag beginnt ... Das Zimmer kostet übrigens laut Anschlag als 3-Bett-Zimmer pro Nacht in der Hochsaison 308,-! [...] ... und ist das sicher auch wert ... am Mars ...
[...] Der schweizgeborene Hotelbesitzer verrechnet wirklich nur 40,- und schenkt mir nach langem Geplauder über mich, seine Hotel-Philosophie und Jörg Haiders Unfalltod noch eine kleine Flasche Prosecco. Ich kann mich kaum losreißen (er: "Bleib´ doch im Zimmer bis zum Abend"! Ich sag´ ihm noch, daß er wie die Schlange Ka aus dem Dschungelbuch ist). [...] Wenn ich einmal Geld habe, komme ich für zwei Wochen relaxen (z.B. Whirlpool im Zimmer) her. Überhaupt ist die ganze Gárgano-Halbinsel eine Reise wert!
[...] eine scheinbar endlose Fahrt (ich verschätze mich total in der Entfernung zu Margherita di Savóia) durch - zuerst - weite Anbauebenen mit sehr vielen verfallenden Steinhäusern, dann rechterhand das Naturschutzgebiet und die Salinen von Margherita. Man müßte für das alles viel mehr Zeit haben. Allein: ich bin gestreßt, weil kilometermäßig gar nix weitergeht, ich keinen (offenen) Supermarkt mehr finde, mir geht das Trinkbare (außer Wasser [sic!]) und das Essen aus. Dann setzt sich eine Gottesanbeterin auf mein Bein. Und dann bleibt ein italienisches Paar neben mir stehen - er redet englisch, sie starrt nur geradeaus, und das Auto verrottet um die beiden herum. [...]
Gottesanbeterin auf meinem Knie
600 / 800
 
Unter Schafen auf der Via Traiana ciclovia adriatica
600 / 800
17.Tag (Di, 14.10.)
NEULAND - LEIDER OFT UNGEWOLLT
[...] Ich mach´ mich also auf den Weg - immer möglichst in Küstennähe -, doch nur auf mein Gefühl zu setzen, setzt voraus, daß die anderen ein ähnliches Gefühl haben - das sie nicht haben (Anm.: gemeint ist die Straßenplanung). Meine Nebenstraßenfahrerei (die diesmal nicht selbst gesucht ist, sondern durch´s durchgängige Fahrverbot für mich auf "meiner" Hauptroute - ich kann mich nicht erinnern, daß das vor fünf Jahren auch schon so war - erzwungen wird) läßt meine Straße oft zur Sackgasse werden. Das bedingt weite Retourfahrten und Konfusion über die weitere Route - s. die Situation in Rosa Marina, wo ich jede Möglichkeit ausprobierte, um schließlich zu kapitulieren, und über´s Binnenland via Ostuni fahren wollte - dann fand ich allerdings die Radroute "Via Traiani", die zwar nicht frei von Schlaglöchern und Schafherden war, aber die die nachweislich beste Verbindung darstellte, nicht völlig vom Plan abzuweichen. Nach Klärung dieser Situation versuchte ich immer in "Autobahn"-Nähe zu bleiben (Anführungszeichen deshalb, weil sich´s eher um eine zur Schnellstraße hochtypisierte Bundesstraße handelt). [...]
 
18.Tag (Mi, 15.10.)
AM ENDE DER WELT
Capo Santa Maria di Leuca-Finibus Terrae
600 / 800
Zwei Dinge vorneweg: die apulische Halbinsel gemahnt an einen schiefliegenden Kasten - das östliche Ende ist Steilküste mit teils beeindruckenden Abhängen und unterspülten Wänden (deshalb auch so manche Grotta), die westliche Küste verläuft flach ins Meer, wobei Sandstrände sehr die Ausnahme sind. Die schroffen Felsen dürften aber großen Fischreichtum bedingen. Und zweitens: Nach dem gestrigen Tag bin ich heute ein bissel angeschlagen, es will nicht so richtig, und mein rechtes Bein (Knie, Aduktoren, Sitzknochen!) läuft nicht rund [...]
Und endlich das erste große Etappenziel: die südliche Spitze des italienischen Stiefelabsatzes. Auch hier Militär (der Leuchtturm ist eingegittert), aber eher spielzeugartig (ganz anders als beim Capo d´Otranto). In rauschender Fahrt geht´s hinunter (bis auf´s allerletzte Stück) und hin zu Leuchtturm und Basilika (Anm.: "Santa Maria de Finibus Terrae"). In letzterer ist Fotografierverbot sogar ohne Blitz - dann können sie sich´s auch behalten (wobei: das Schiff im Vorraum und einen schnellen Schuß in die Kirche hinein hab´ ich doch getan). Wallfahrerkirche - deshalb auch der Riesenvorplatz, der jetzt allerdings so gut wie menschenleer ist [...]. Ach ja, in den Kirchenkomplex eingebaut ist eine Caffetteria und ein Albergo (!). [...]
 
Wäsche in Gallipoli
600 / 800
19.Tag (Do, 16.10.)
SOMMER
Bei der ersten Bar Halt, Cappuccino und 2 Kipferl verdrückt, dann in die Altstadt von Gallípolli. Die zwei Musts (lt. Reiseführer - Anm.: Marco Polo) werden leider gerade restauriert: 1.) der Brunnen am Anfang der Brücke in die Altstadt ist eingehaust und als solcher nicht einmal zu erkennen. 2.) die Kirche Santa Maria della Puritá ist mit diesbezüglichem Hinweisschild bummfest zu und verschlossen. Aber auch so gibt´s eine Menge zu fotografieren, nur fällt selbiges wegen der engen Gassen einigermaßen schwer. [...] Und der Dom ist ja auch nicht von schlechten Eltern; erstmals auf meiner Reise ein Dom, der nicht irgendwie nackert ist. [...] ein paar Fotos wert. Was man aber darauf nicht hört, ist ein unglaublich hustender alter Mann, der, soweit er kann, ins Gebet versunken ist - entweder ist seine Frau gestorben oder er wird´s bald. [...]
 
20.Tag (Fr, 17.10.)
KALABRIEN - MEIN ERSTES MAL
Marmorintarsien im Dom von Taranto
600 / 800
Giovanni (Anm.: mein Jugendherbergszimmermitbewohner) schnarcht. Zwar sehr zurückhaltend, aber immerhin so viel, daß ich zu tun habe, es nicht zu hören. [...]
Táranto ist sehr eigenartig. Da ist einerseits seine Lage: die Altstadt liegt auf einer Insel zwischen zwei Landzungen, mit denen sie nur mittels zweier Brücken verbunden ist. [...] Die Altstadt verrottet im großen und ganzen, Häuser müssen gegeneinander abgestützt werden, um nicht zu kollabieren, manche Zwischengänge sind weniger als einen Meter breit. Andererseits findet man im Dom nicht nur morgendliche Putzfrauen, sondern - im rechten Seitenschiff - Marmorintarsien, die meiner Meinung nach ihresgleichen suchen! [...]
 
Fischer in Marina di Siberi
600 / 800
21.Tag (Sa, 18.10.)
RÜCKENWIND!
Mutterseelenallein pack´ ich meine 7 Zwetschken und bin gegen 8:00 ohne richtiges Frühstück (Anm.: ich war völlig alleine in einer Bed&Breakfast-Pension) aus dem Haus. Schon komisch, ich werf´ die Schlüssel ins Holzkastel und war sozusagen nie da - bis auf einen vollen Mistkübel, zwei gebrauchte Handtücher und ein paar Fotos. Auf den gestrigen Rat meines Vermieters zum Strand - mutterseelenallein (bis auf ein paar Fischer - nicht verwandt!). Durch´s Dorf resp. Einkaufszentrum - mutterseelenallein (bis auf ein paar Männer, die an den Bäumen herumschneiden). Und raus auf die Piste. [...]
 
23.Tag (Mo, 20.10.)
THE POINT OF [NO] RETURN
Am südlichsten Punkt-Melito di Porto Salvo
600 / 800
[...] Irgendwie beginne ich zu bummeln, bleib´ viel stehen und mache immer mehr mit mir selbst aus, daß ich heute schon in Mélito di Porto Salvo Schluß mache, vielleicht mich in die Sonne lege, meinen "Ruhetag" genieße. Außerdem stellt sich ein kleines Fuzzifuzzi Wehmut ein: ich erreiche in Kürze den Nadir meiner Tour, und dann geht´s schon rein technisch nicht mehr weiter in den Süden. Und dieser Süden (mit seinen Temperaturen, seiner Sonne etc.) gefällt mir schon, ich bin kein Wintertier, ich brauch´ die Affenhitze. Abgesehen davon warten "oben", "im Norden", "im Winter" große Aufgaben, und hoffentlich geht das alles so auf, wie ich (und andere) mir´s wünsche. Und ob ich schon genug aufgetankt habe? ... [...]
Wieder zweige ich ab, und dann bin ich da: Mélito di Porto Salvo, die - zumindest meiner Karte nach - südlichste Ansiedlung Festlanditaliens. Und das in einer unglaublich unansehnliche Art: Es wird gerade ein Bahnhof gebaut - na gut. Aber die Stadt hat keinen Hafen, nichts, was auf ihren Sonderstatus hindeutet. Entweder ist es ihnen wurscht oder sie wissen es nicht. Touristisch - bei uns, aber auch überall sonst - undenkbar. Siehe nur "finibus terrae", und das ist "nur" der Zipfel einer relativ "kleinen" Halbinsel (der "Absatz"). Hier gibt´s dann zwar auch eine "Promenade", sogar eine Kirche, aber einen "viewing point" (á la "hier ist aber wirklich finibus") ... ??
Der Sorgenstein-Melito di Porto Salvo
600 / 800
Zuerst erkor (wie lautet die Präsensform?) ich eine aufgeschüttete Felsenzunge als südlichsten Punkt, nach Finden der Kirche (+Geländer) nehme ich aus Praktibilitäts- und aus optischen Gründen lieber den Kirchenvorplatz. Die Daten: es ist ca. ½4 am 23.Tag (20.10.08), 2884 Gesamtkilometer, es hat 23 - 27 Grad, und es scheint (noch!!) die Sonne. Lange spiele ich mich mit meinen beiden Videos ("Südlichster Punkt", "Sorgenstein") herum. [...] Selbst die lange Bedienungsanleitung (Anm.: meiner Canon) bietet mir keine derartige Funktion. Schade. Aber - fällt mir ein: Handy. Brauch´ ein bissel, bis ich kapiere, wie ich lange Videos aufnehmen kann, dann geht´s los - Take auf Take. [...] runter zum Strand, suche einen besonders schiachen "Sorgenstein" - das allerdings muß First-Take klappen. Und genau jetzt verschwindet die Sonne hinter einer aufziehenden schwarzen Wolkenbank. Sizilien ist zu erahnen, aber von dort kommt das Scheißwetter. Meine Entscheidung ist endgültig gefallen: Ich suche ein Quartier. [...]
 
24.Tag (Di, 21.10.)
DER HEIMWEG BEGINNT / AUG IN AUG MIT SIZILIEN / EIN PASS STELLT SICH IN DEN WEG
Skulptur in Reggio Calabria
600 / 800
[...] Und dann beginnt unmerklich Réggio di Calábria [...]. Ich hab´ mir ja vorgenommen, daß mir diese Stadt nicht gefallen wird (im Reiseführer steht was von "verkommen", "hoher Kriminalität" etc.), und - ich komme auf die harte Tour durch die Perlenkette unansehnlicher Vorstädte rein - anfangs bestätigt sich meine Voreingenommenheit: schlechte Straßen, viele verrottende oder nicht-fertiggebaute Häuser, Flüsse, die steppigen Mülldeponien gleichen, Häuserneubauten, die aussehen, als hätten sie von Bauordnung noch nix gehört, dunkle armselige Gestalten, zerfallende Autos ... und der McDonald´s, auf den ich zufällig stoße, hat keinen - von mir seit mindestens 1000 Kilometern ersehnten - Erdbeer-Milkshake! Es ist zum Auswachsen, ich habe genug von Kalabrien, ich will nach Hause. [...] Es dauert, bis ich sowas wie ein Zentrum finde: die "Giardini Umberto" - ein Park (ähnlich unserem Stadtpark), nur geht die schönste Aussicht auf den Bahnhof, die Freiflächen sind mit Karussels vollgestellt, die Lampen hin, und mich nerven nicht weniger als zwei Aufdringliche ("Foto?" - "Woher?"). Ich suche das Weite (Ergänzung) über die dichtbefahrene, aber immer schöner werdende Uferpromenade, finde den Dom (geh´ aber nicht rein, weil ich den Gaul nicht allein draußen stehen lassen will - er erregt sofort Aufmerksamkeit), der Hauptplatz (mit Municipio etc.) geriert sich als infotogene Baustelle - aber ich finde genug historische Bausubstanz (zumindest solche, die ich Banause dafür halte), um mich mit Réggio zu versöhnen. [...]
 
Capo Vaticano
600 / 800
25.Tag (Mi, 22.10.)
CAPO VATICANO - UND DIE ANSTRENGUNG WAR´S WERT
[...] Wie so oft mache ich bei Abstechern zu nicht auf der Strecke liegenden Kaps den Höhenunterschied ausschlaggebend. Und nachdem bei der rasanten, aber wegen des schlechten Straßenzustands nicht total entspannten Abfahrt nicht allzuviel Höhe übergeblieben ist, entscheide ich: "Ja!" Nur finde ich nicht die Straße - trotz Wegweisertafel. Am Bahnübergang von San Nicolo studiere ich die Karte, plötzlich ertönen deutsche (wirklich deutsche) Laute: Sie redet und führt das Kommando, er schweigt und schwitzt. Sie wollen zum Leuchtturm (der bei mir nicht eingezeichnet ist - wird aber schon dort sein), reden was von einer Straße, an der sie vorbei sind. Wenn ich richtig abzweige, kann ich ja bei meiner Rückfahrt auf meiner Route ihnen alles bestätigen ... oder eben nicht ... und es war "eben nicht", nicht, weil ich falsch war, sondern sie unauffindbar - entweder haben sie doch genug vom Latschen gehabt, oder sie saßen in einem der vielen geschlossenen Lokale. Wer weiß? Ich jedenfalls fand die (wirklich nicht angeschriebene) Straße und war nach einigen Mühen wirklich plötzlich am Capo Vaticano: sensationell! Die Menschen unten in den Tretbooten machen´s richtig - laaangsam, schauen, genießen. Von hier oben (ich bin nicht allein, es gibt mehrere deutsche Touris) knallt natürlich das Wasser mehr. Es fällt mir schwer weiterzufahren [...]
 
26.Tag (Do, 23.10.)
ZUERST EREIGNISLOS - DANN DIE WAHRSCHEINLICH SCHÖNSTE KÜSTENSTRASSE BIS JETZT
Sonnenuntergang über dem Golf von Policastro
600 / 800
[...] Ausblicke auf morgen (die vis-a-vis-liegende Halbinsel, deren Silhouette ich später im Sonnenuntergang noch öfter fotografieren werde) und auf heute (die Küste entlang). Nach der Grotta (Anm.: di Maratea) fasziniert mich lange die Blödheit der Menschen: Wieviel Dummheitsenergie muß dahinterstecken, eine - von mir zuerst als Riesenleuchtturm gehaltene - Riesenstatue + Kirche auf einen Berg zu stellen. Ich bin fasziniert. Was man mit diesem Geld und diesem Kraftaufwand hätte Sinnvolles anstellen können ... fasziniert mich die enge Ortsdurchfahrt von Acquafredda (welch ein Name!) [...], und dann geht die Sonne unter. Mein gestecktes Tagesziel - Sapri - ist erreichbar (wenn auch nicht mehr), kilometermäßig komme ich auch hin. [...]
PS: Ich habe auch noch die restlichen 4 Karten (die ich in Tropea gekauft habe) geschrieben [...], und ich werde sie morgen in Sapri einwerfen - toll, daß ich weiß, daß ich morgen hier einen Briefkasten finden werde!
 
Erschöpfung-Selbstportät nach Pisciotta
600 / 800
27.Tag (Fr, 24.10.)
ICH BIN MÜDE / EINE STRASSE, DIE´S IN SICH HAT / SACHSEN
Ich hab´s ja kommen gesehen: Eine Küstenstraße, die schon so beginnt [...], aber dann sich schlängelnd auch ins Hinterland zurückzieht, und auf der Karte ist topographisch auch nicht alles grün sondern weiß/grau gefaltet ... so eine Straße kann kein Sonntagsspaziergang sein. Zumal ich teilweise der dauernden Anstrengung Tribut zollen muß: abwechselnd zwickt und zwackt es, mein Knie (rechts) läuft nicht rund [...] Ich fahre küstennah ... und das war - nachträglich gesehen - mein Glück, wenn auch von "Glück" zu sprechen bei dem, was auf mich zukommt, eher komisch klingt. [...] Zuerst alles normal. Dann ein unbeleuchteter, schnurgerader, mit Ziegeln ausgekleideter Tunnel. Eine Tafel danach ("pericoloso") klärt alles auf: Sie haben die alte Bahntrasse einfach zuasphaltiert und eine Straße daraus gemacht. Ich denke: hoffentlich lang! Aber leider, viel zu bald ist der Spaß aus. Rauf auf die Straße (woher die allerdings kommt, ist mir schleierhaft) ist so steil, daß ich das erstemal richtig schiebe. Und so ins Schwitzen komme und KO bin, daß ich das verewigen muß. Über 100 Höhenmeter hinauf - gnadenlos. Was dann folgt, ist atemberaubend (wobei: das wär´ ja nix Neues). Aber die Straße, die benützt wird (Durchgangsstraße nach Salerno, das muß man sich erst einmal vorstellen!), bricht ihnen sukzessive weg, löst sich auf - und das Projekt eines höherwertigen Straßenausbaus (dessen Beginn mich ja verunsichert hat) ist wohl auf Dauer in der Nicht-Ausführung steckengeblieben. D.h., vor Ascea mäandert die "alte" irgendwie (rechts / links / rauf / runter / noch mehr rauf) durch die Landschaft und zerbröselt, von der "neuen" stehen teilweise nur die Brückenpfeiler, die Trasse ist wild überwuchert und wird nie mehr befahrbarer werden. Wobei die "alte" teilweise in der Nacht gar nicht befahren werden darf ... man stelle sich das in Österreich vor! [...]
 
29.Tag (So, 26.10.)
AMALFI (2) / DIE IMPLOSION EINER RADTOUR
Brunnen von Amalfi
600 / 800
Heute vor 4 Wochen bin ich weggefahren. Das besondere an diesem Tag abseits dessen:
a)  
Er war noch nie so kurz (aufgrund des Endes der Sommerzeit bekomme ich 1 Stunde später Frühstück, und die Sonne geht um 17:00 unter).
b)  
Er war noch nie so anstrengend (die meisten Höhenmeter bis jetzt - das trau´ ich mich sagen, obwohl ausgerechnet heute [So] die Batterie meiner Multifunktionsuhr den Geist aufgibt).
c)  
Ich bin - außer am allerersten Tag - noch nie so wenig gefahren (um ½5 Winterzeit hatte ich erst 65 Kilometer am Tacho), obwohl ich das Gefühl habe, die ganze Zeit im Sattel gesessen zu sein).
d)  
In der Relation stimmt das auch: mein Schnitt war noch nie so niedrig.
e)  
Ich bin auf dieser Tour noch keine - in dieser Dichte - so schöne Küstenstraße gefahren, ob´s die schönste Küste ist, will ich nicht sagen. Und
f)  
Ich bin bis jetzt auf dieser Tour noch nie so lange bei Dunkelheit durch Stadtgebiet gefahren - und das bei wirklich schlechten Straßen.
[...] Es sind in der Früh sagenhaft viele Radfahrer unterwegs, die Motorradfahrer stehen erst später auf. Und bei den Radfahrern bin ich durchaus Thema, werde in Amalfi auch angesprochen. Dort steht auch eine tolle Kirche mit großer Freitreppe und ein witziger Brunnen. [...]
 
Brecher vor Civitavecchia
600 / 800
34.Tag (Fr, 31.10.)
DIE QUADRATUR EINER SCHNAPSIDEE: DIE MUTTER ALLER STRASSEN
[...] Der Tag ist zweigeteilt: bis vor Ansedonia treibt mich der vom Meer kommende Sturm zu ansehnlichen Geschwindigkeiten (und wenn er von der Seite kommt, geht´s auch irgendwie), auf dieser eigenartigen (Halb)Insel Monte Argentario erwartet mich allerdings was anderes: eine Straße, die oft eigentlich keine mehr ist, Steigungen, die für mich nicht mehr zu fahren sind, Regen, ausgehender Tag etc. ... Dabei hatte ebendieser optimal begonnen: Frühstück ab 7:00!! Mein Handywecker ... jetzt wollte ich schreiben: "klingelt", aber heutzutage klingelt leider gar nix mehr, alles muß irgendeinen "Sound" haben, es tutet oder sonstwas oder - ganzganz schlimm - es beginnt Radiogedudel (das ist in der Früh noch schlimmer als dieses italienische Eigentlich-nicht-Frühstück) ... also mein Wecker weckt mich um 6:50 irgendwie auf. Und um ¼9 bin ich abfahrbereit. Unten am Meer müssen ein paar Brecher-Fotos sein [...]
 
35.Tag (Sa, 1.11.)
TEEREN UND FEDERN
Strand bei Punta Ala
600 / 800
... und ob ich Wetter-Glück hatte. Aber Karten-Glück nicht. Wenn ich den- ("die" trau´ ich mich jetzt nicht schreiben, sonst bin ich wieder Sexist) -jenigen in die Finger kriege, der diese (ÖAMTC)Karte zusammengeschustert hat. So eine Frechheit - und für einen Radfahrer: So eine Gemeinheit! Die Hauptverkehrsrouten mögen ja stimmen. Die Nebenstraßen aber ... da wird kein Unterschied gemacht zwischen ganz "normalen" Straßen (ich meine diejenigen mit Asphalt usw.), Feld- und Waldwegen, Privatstraßen, bei denen man nicht einmal schummeln kann, weil sie schlicht und einfach versperrt sind (und ich meine das wirklich so). Daß Straßen nicht eingezeichnet sind, nehme ich einfach zur Kenntnis - sind halt zu unwichtig. Daß allerdings Straßen eingezeichnet sind (und Ortschaften), die nicht existieren, grenzt für einen Grenzgänger wie mich an mutwillige Bösartigkeit. Was ich heute - der Karte vertrauend - an Zeit verschissen habe ...
[...] keine Straße - und Ungewißheit, ob über den eingezeichneten Bach eine Brücke zum Torre (Anm.: Civetta) führt. Ich probier´s - wild auf teilweise sandigen Waldwegen, komme auch recht weit. Dann: Zaun. Über den Sandstrand? Ist mir zu anstrengend. Außerdem ist es 16:00 vorbei [...]. Ich probier´s beim Durchschlupf durch den Zaun, den ich vorhin gesehen habe. Endergebnis: Zäune. In alle Richtungen. Kein Durchkommen. Zurück, mir reicht´s. Und ich steh´ vor der Straße, komm´ nur nicht hin, weil: Zaun! Gittertor! Jetzt hab´ ich mich - ÖAMTC-Karten-gläubig - so vertan, daß ich nicht einmal rauskomme. Alles zurück, auf meinen eigenen Reifenspuren. Endlich auf der Straße. Ich hab´genug von meinem Reinheitsgebot. Oder doch nicht?!? [...]
Mond über dem Torre Mozza bei Carbonifera
600 / 800
[...] Nach Follonica gibt´s laut Karte wieder eine Küstenvariante - die ich natürlich nicht auf Anhieb finde. Die zurückgefahrenen 500 Meter schmerzen mich nicht, eher die Irritation, daß Carbonifera angeschrieben ist, das eigentlich auf der anderen Seite eines "Flusses" liegen sollte und für meine Fahrt eigentlich uneinzuplanen ist. Aber es geht dahin. Der nicht eingezeichnete Torre Mozza reizt mich - in der beginnenden Dunkelheit - zu einem (Selbstauslöser)Foto (hab´ ich erst nach Ausprobieren hinbekommen: Canon auf dem Rucksack, der ja auf dem Gaul festgezurrt ist, Selbstauslöser, Weiterfahren). Ich bin tatsächlich auf der geplanten Route - zuerst null Verkehr, dann - nach dem Eck, das aber - nicht wie auf der Karte vermutbar ist - nicht bis zur Schnellstraße geht - viel Verkehr, der nach Piombino will. Es ist finster. [...]
 
39.Tag (Mi, 5.11.)
WEHMUT - 3.TEIL / VOR DEN TOREN DER HEIMAT
WK1-Memorial am Piave
600 / 800
Wehmut - 1.Teil: das Erreichen des südlichsten Punktes meiner Reise, des "Point of Return". Wehmut - 2.Teil: das Verlassen meiner Küstenroute in Marina di Pisa, Verlassen des Meeres. Wehmut - 3.Teil: das Verlassen der Po-Ebene und damit unweigerlich schön langsam Abschied von Italien. [...]
Anm.: Ich habe mit Verlassen meiner Küstenroute auch meine Tagebuch-Aufzeichnungen beendet (bis auf die genaue Route und die technischen Daten). Deshalb muß ich jetzt nachliefern ...
Die Inschrift über diesem Heldenklotz ist ein Teil der italienischen Nationalhymne, lautet übersetzt angeblich: "... der Piave flüsterte: Der Feind wird nicht durchkommen!" und soll an den entscheidenden Befehl zum Abbruch der Offensive 1918 erinnern, den das österreichisch-ungarische Armee-Oberkommando seinen Truppen nach 11 Isonzo-Schlachten vor dem Piave stehend erteilte. Worauf die Italiener mit ihren Verbündeten den Ersten Weltkrieg gewannen und sich Alt-Österreich in den historischen Orkus verabschiedete - in dieser verkürzten Form sehen sie es zumindest.
Läßt sich die Perversion "Krieg" schöner verdeutlichen? Ich stehe als Fremder mit meinem Gaul vor diesem Monument, denke an die Millionen Toten, die allein schon der Erste Weltkrieg zumindest diese beiden Kriegsparteien gekostet hat - und habe auf meinem Weg hierher nicht nur sämtliche Grenzen meiner Tour ohne Paßkontrolle, sondern überhaupt völlig unbemerkt überschritten. Behauptet wirklich irgendwer, daß sich dieser Irrsinn außer für die Rüstungsindustrie ausgezahlt hat?
 
Selbstporträt an der letzten Grenze-5000km
600 / 800
40.Tag (Do, 6.11.)
Venzone - Kanaltal (SS13) - Chiusaforte - an Pontebba vorbei - Tarvisio - Grenze - Arnoldstein - Villach Hauptbahnhof --- Wien Südbahnhof - Inzersdorferstraße
[Tageskilometer: 93,25 / Schnitt: 19,20 / gefahrene Zeit: 4:51:25 / Höchstgeschwindigkeit: 42 / Gesamtkilometer: 5025 bzw. 5029]
AUS
Anm.: Ich bin von meinem Wiener Zuhause bis zur österreichischen Grenze bei Arnoldstein auf den Kilometer genau 5000 gefahren - mit dem oben angerissenen Umweg über Slowenien, den Lido von Venedig, den Sporn, den Absatz und die Spitze des italienischen Stiefels, die Costa Amalfitana usw.. Die Teilstrecke Livorno - Genua - Ligurische Küste - San Remo bis zur italienisch-französischen Grenze bei Ventimiglia werde ich nachholen ... oder auch nicht ...
Wien, am 18.11.2008

 

Haben Sie Lust auf und Interesse an mehr ???
Schreiben Sie mir bitte - dann setz´ ich mich hin (es gibt noch viiieeel mehr Geschriebenes, Fotografiertes und Handy-Gefilmtes) und bringe alles unter d´Leut´. Danke jedenfalls, daß Sie zumindest bis hierher gelesen haben ;-)

 

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